Familienchronik



 Ich bin Jahrgang 1938- das war eine Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit und eine Jugend im aufkeimenden Wirtschaftswunder.


Unsere Kinderjahre waren geprägt von Sirenengeheul, Hunger und Kälte, Trümmern und Todesmeldungen, aber auch von Solidarität

und dem Willen, diese Zeit zu überstehen. Als Jugendliche erlebten wir die Besatzungszeit, erst Amerikaner, anschließend Engländer

in Krefeld, die Demokratisierung unseres Landes und die Währungsreform. Unser erster Bundeskanzler hieß Konrad Adenauer.

Wir hatten berufliche Perspektiven, ich zB.als Volks- und Handelsschüler habe eine Ausbildung als Textilkaufmann in der Verseidag

absolviert, habe Schulungen in der Datenverarbeitung gemacht, einige Jahre als Organisationsprogrammier gearbeitet und bei der

Firma Hellentahl auf der Oppumerstr. war ich viele Jahre EDV-Leiter. Ich interessierte mich für Mode und Musik und besuchte mit

Begeisterung Kinos und Tanzschulen.

Ein schlimmes Erlebnis aus den Kriegstagen ist mir in Erinnerung geblieben. Wir besuchten unsere Großmutter auf der Lohstr. 248.

Die Toiletten befanden sich auf dem Hof. Die Tür wurde von innen verriegelt. Ich hatte es geschafft, die Tür von innen zu verschließen

und dann kam Fliegeralarm. In der Aufregung schaffte ich es nicht mehr, die Tür zu öffnen. Man hörte die Bombengeschwader schon

und sie warfen ihre ersten Bomben über Krefeld ab. Irgendwie hat mich meine Mutter aus dieser verzweifelten Situation befreit

und wir suchten Schutz in einem alten, tiefen Gewölbekeller. Das Haus der Großeltern wurde nicht getroffen aber in der Umgebung

der Steckendorferstr. fielen einige Bomben und richteten schlimmen Schaden an. Das Haus hat übrigens den 2. Weltkrieg überstanden

und steht heute noch. Es wurde ca. 1959 an einen Anstreicher für wenig Geld verkauft.

Einen weiteren Angriff auf Krefeld habe ich noch gut in Erinnerung. Wir wohnten in Krefeld-Oppum auf dem Buschdonk 22. Meine

Mutter hatte die Angewohnheit erst bei Vollalarm sich auf ihr Fahrrad zu schwingen und über dem Buschdonk zum Bunker zu fahren.

Vorbei an den Häusern von Strathmann, Haverkamp. Hinter Haverkamp lebte eine gehbehinderte Frau Kahmes. Diese Dame nahm meine

Mutter immer hinten auf dem Fahrrad mit. Nur bei einem Großangriff fuhr meine Mutter an dieser Frau vorbei. Eine innere Stimme

hatte sie gewarnt. Frau Kahmes wurde von einem Volltreffer getroffen und man fand von dieser armen Frau nichts mehr wieder. Meine

Mutter hat den Angriff im Vorraum des Bunkers überstanden, da der Bunkerwart schon die Türen geschlossen hatte. Hätte sie angehalten,

wären wir mit Sicherheit Waisen gewesen. Mein Bruder Manfred hat in der allgemeinen Aufregung unseren Bunkerraum verpasst und

war bei Fremden Leuten untergekommen. Mein Bruder Willi hatte den Auftrag, Heringe zu kaufen und hat den Angriff auf einem Feld

im Graben erlebt. Er kam nach dem Angriff total stolz mit den etwas verdreckten Heringen in den Bunker. Ich erinnere mich noch, dass einige

Volltreffer den Bunker erfassten, das Licht ging aus, die Insassen schrieen, beteten und der Kalk nahm uns den Atem. Ein Geräusch werde

ich nie vergessen. Die Eisenstangen im Beton klirrten als wenn man hunderte Bierkästen aus großer Höhe runter schmeißen würde.

Irgendwann in der Nacht verließen wir den Bunker. Draußen stand kaum noch ein Haus und die Nacht war durch brennende Ruinen hell

erleuchtet.

Auch unser Siedlungshäuschen hatte es böse erwischt. Die Äußerung meiner Mutter werde ich nie vergessen. Sie hatte in der SA-Siedlung

nie gerne gewohnt. "Gott sei Dank ist diese Bruchbude endlich kaputt."

Wir zogen dann mit ein paar Habseligkeiten per Handkarren zur Oma Sallmann, die alleine ein sehr schönes Haus auf der Friedrich-Ebert-Str.

48  nähe Bismarckplatz bewohnte. Dort haben wir dann die letzten Kriegsmonate erlebt. Meine Mutter hat dort bis zu ihrem Tod im Jahre 2005

gelebt. Sie wurde 96 Jahre alt. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Einmarsch der Amerikaner. Es waren überwiegend schwarze Soldaten

die zu uns Kindern sehr nett waren. Wir bekamen die ersten Apfelsinen unseres Lebens geschenkt. Mein Bruder Manfred hatte noch einen

schweren Unfall. Flüchtende deutsche Soldatrn haben ihn auf der Friedrich-Ebert-Str. überfahren. Aber trotz großer Eile hat dieser Offizier

meinen Bruder noch zu einem Krankenhaus gefahren.

Mein Bruder Horst wurde in den Kriegswirren im Juni 1944 geboren. Bei Fliegeralarm wurde er im Kinderwagen zum Bunker transportiert.

Der Bunkerwart, für die Ordnung im Bunker zuständig, hatte wohl die Anweisung, Müttern zu verbieten, ihre Kinderwagen mit in den Bunker

zu nehmen. Meine Mutter in der Aufregung zu Bunkerwart:"  Der schönste Moment in meinem Leben wird sein, die Uniform, die Sie am Körper

tragen, Ihrem großen Führer um die Ohren zu hauen!".

Der Umstand, dass mein Vater ein alter SA-Mann war und dem Bunkerwart gut bekannt war, hat meine Mutter wohl vor einer Verhaftung bewahrt.

Irgendwann hatten wir es wohl verpasst, rechtzeitig in den Bunker zu laufen und mussten den Angriff in unserem kleinen Keller im Siedlungshaus überstehen. Ich höre heute noch eine Bombe mit einem heulenden Geräusch runter sausen. Mit einem ohrenbetäubenden Knall krachte sie ganz

in unserer Nähe auf. Bei der Entwarnung verließen wir wieder unseren Keller und sahen, dass ganz in unserer Nähe ein Haus einen Volltreffer

abbekommen hatte. Man sammelte die Reste der Toten im Umkreis von ca, 100 Meter in eine Zinkbadewanne. Ich sehe noch in unmittelbarer

Nähe einen Mann eine kleine Kinderhand aufheben, wo zwei Finger fehlten. Erlebnisse, die ich nie richtig verarbeitet habe. Meine Angst vorm

Fliegen oder die Furcht vor der Benutzung von Aufzügen kommt sicher aus dieser furchtbaren Zeit. Ich hatte auch lange Zeit Angst gehabt

im Dunkeln einzuschlafen.  Einzig unsere tapfere Mutter strahlte uns Kindern gegenüber eine unglaublich Ruhe aus. Bei Luftkämpfen am Himmel

stand sie mit uns im Garten und hat sich das Schauspiel angesehen. Gewinner waren natürlich nur die deutschen Flieger. Sie hat uns immer

glaubhaft erzählt, die Engländer wären große Flaschen und könnten uns überhaupt nicht treffen. Wir haben es ihr geglaubt und waren Stolz auf

unsere tüchtigen "unbesiegbaren" Soldaten. Heute weiß ich es natürlich anders.

Von der Friedrich-Ebert-Str. aus gingen wir noch einige Male nach Oppum, um noch Utensilien aus unserem zerstörten Haus zu holen. Bei einem dieser gefährlichen Ausflüge trafen wir auf etliche Tote, die am Wegesrand lagen. Es war das letzte Aufgebot unseres glorreichen Führers Adolf Hitler. Er hatte noch einen sogenannten Volkssturm zur Heimatverteidigung aufstellen lassen. Diese armen Menschen, bestehend aus Hitlerjungen und Rentnern sollten den Einmarsch der Amerikaner aufhalten und bezahltern diesen Gehorsam mit ihrem Leben.

Kann sich einer vorstellen, welches Gefühl es ist, keine Angst mehr vor Bomben, keine Angst mehr vor Tieffliegern, die uns beschossen haben,

keine Angst mehr vor den eigenen braununiformierten Landsleuten zu haben?


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